Der ultimative Guide: So gewinnt man mehr weibliche Speaker*innen

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Wir alle kennen das Bild auf den Bühnen, auf Konferenzen und im Fernsehen. Es sprechen viel weniger Frauen als Männer. Und oft sind Speaker*innen weiß und priviligiert. Ein paar Ansätze das zu ändern. 

Mein großes Nachdenken über Frauen als Speakerinnen begann zu dem Zeitpunkt, als ich anfing, selbst regelmäßig auf Konferenzen zu gehen – das war etwa 2011. Ich würde sagen etwa 90 Prozent der Konferenzen, auf die ich damals ging, wurden von männlichen, weißen Speakern gestaltet und auch das Publikum war wohl zu etwa 80 Prozent männlich. Seither hat sich das Bild gefühlt um wenige Prozentpunkte verbessert. Aber klar, war ja auch die Gründerszene. Doch ist es so einfach?

Richtig repräsentative Zahlen gibt es nicht. 

Die Women Speaker Foundation von Regina Mehler hat über die Jahre hinweg Veranstaltungen untersucht: Wenn es gut laufe, liege die Frauenquote heute bei etwa 20 Prozent. Je technischer es werde, umso weniger Frauen würden auf der Bühne stehen. „Es gibt aber auch Lichtblicke wie die Republica, mit knapp 50 Prozent Frauen“, so Mehler. Ähnliche Daten haben Speakerinnen.org gesammelt. Die Events, die über die 50-Prozent-Datenbank beobachtet werden, haben einen sehr gleichmäßigen Durchschnitt von 75 Prozent Männern. Repräsentativ seien die Zahlen nicht, sagt Mitstreiterin Anne Roth. „Anders ist es eigentlich nur bei Veranstaltungen, bei denen es explizit um Frauen geht: oder eben alles, was mit Familie, Pflege, Care-Arbeit zu tun hat. Hier ist ein hoher Frauen-Prozentsatz eigentlich kein Erfolg, sondern genauso deprimierend wie 90 Prozent Männer bei IT-Konferenzen.“ 

90 Prozent Männer

Auf der DLD Women 2012 hatte ich mein Schlüsselerlebnis. Es war meine erste Frauenkonferenz und die Inhalte und die Stimmung waren wirklich gut. Auf einmal hatte sich mein gewohntes Bild umgedreht. Auf der Bühne saßen 90 Prozent Frauen und im Publikum auch. Wo sind all diese Frauen sonst, fragte ich mich? Und wäre es nicht die viel bessere Konferenz, wenn man alles mischen würde?

Nebenbei begann ich auf der Konferenz in München ein Gespräch mit der Werbe-Ikone Cindy Gallop über die Hintergründe des Frauenmangels auf den üblichen Konferenzen. Cindy bat
mich, an mich selbst zu denken: „Auf wie vielen Konferenzen hast du selbst bereits gesprochen?”, fragte sich mich. „Auf keiner“, musste ich antworten. „Siehst du“, entgegnete sie. „Und wie oft wurdest du schon gefragt, ob du sprechen kannst?“ Ich musste schlucken. 

Zu dem Zeitpunkt des Gesprächs war ich etwa seit einem Jahr Redaktionsleiterin von Gründerszene und ich war ohne Übertreibungen mindesten 20 Mal gefragt worden, ob ich sprechen kann zu Venture Capital, der Berliner Startup-Szene, Startups & Politik. Und besonders öffentlichkeitsscheu bin ich nun eher nicht. Doch immer hatte ich nein gesagt. Wieso bloss? 

Sind Frauen unsicherer?

„Frauen gehen nur auf die Bühne, wenn sie sich 100 Prozent sicher sind.“ Dieser Satz stammt von Cindy Gallop, und es ist viel Wahres an ihm dran. Gerade, wenn man noch nicht ganz so viel Bühnenerfahrung hat und andere erst überzeugen möchte. Wohingegen Männer sich oft über die Bühne und den großen Auftritt freuen, und im Zweifel auch mal fünf Minuten Bullshit reden, machen sich Frauen durchschnittlich mehr Gedanken über ihre Expertise. Auch heute sage ich persönlich nur zu, wenn ich das Gefühl habe, ich kann etwas wirklich Relevantes zum Thema beitragen.

Letztens fragte ein Konferenzveranstalter mich zum Beispiel zum Thema Mobile Payment an, da wundert man sich schon, ob sich das Gegenüber überhaupt damit beschäftigt hat, was man macht. 

Doch sind Frauen dann tatsächlich unsicherer? Daran glaube ich nicht, manchmal muss man einfach sagen: „Du kannst das.“

Tipp: Vorher sollte man sich am besten mit dem*der Speaker*in und seinen Inhalten ausführlicher beschäftigen. Jemanden nur wegen der „Quote“ anzufragen, ist für den*die Speaker*in sofort spürbar.

Geschlecht ist nicht das einzige wichtige Diversitätsmerkmal

Mein Nachdenken über Diversität über Geschlecht hinaus, begann erst so richtig, als wir selbst anfingen bei EDITION F Events zu organisieren. Es gibt noch viel mehr zu tun, als nur Frauen häufiger zu besetzen. BPOC, LGBTQ, Menschen aus bildungsfernen Familien, die Liste ist lang. Wo sind all diese Perspektiven?

Wenn ich jemanden erst davon überzeugen muss zu sprechen, wird er nicht gut sein

Falsch. Wenn man daran glaubt, das jemand eine gute Wahl ist, bleibt das auch so, wenn die Person ein bisschen Angst hat. Und wenn man der Person sagt, dass man weiß, dass sie das super macht, reicht das oft schon. 

Es gibt keine relevanten…

Zu jedem Thema der Welt wird man jemand anderen als einen weißen Mann finden, der*die etwas Kluges zu sagen hat. Für einige Branchen muss man einfach besser in die Recherche gehen. Die Ausrede mit der Relevanz sollte schon ganz am Anfang abgelegt werden. Denn sie ist nicht haltbar. 

Wir wollen nur C-Level-Speaker

Klar, große Namen ziehen Besucher*innen. Deshalb ist das absolute Credo einiger Konferenzen am besten nicht nur C-Level, sondern sogar nur CEOs einzuladen. Und davon gibt es eben viel weniger Frauen. Und viel weniger BPOC, etc. Aus Veranstalter*innenkreisen ist immer wieder zu hören, dass ansonsten auch andere CEO weniger gerne kommen wollen.

Hier sollte man sich also nicht nur als Veranstalter*in, sondern vor allem auch als Speaker*in und Besucher*in seine Gedanken machen. Am Ende sollte es um die Qualität der Inhalte und nicht die Position gehen. Und dass CEOs nicht immer kluge Sachen sagen oder wenn doch, ziemlich oft die gleichen, wissen wir alle. Als Speaker*in sollte man proaktiv Fragen wer noch Speaker*in auf der Konferenz sein wird, und sich genau überlegen ob es passt.

Mein Netzwerk ist das beste

Wenn wir darüber nachdenken, einen Tag, einen Abend oder eine Fernsehsendung mit guten Inhalten zu füllen, denken wir alle zuerst an unser eigenes Netzwerk, an Personen, die wir schon einmal zum Thema gesehen haben, Menschen, von denen wir sicher sagen können, dass jeder sie auf der Bühne erwartet und die bestenfalls auch rhetorisch gut sind. Ist unser Netzwerk dann vor allem männlich, denken wir vor allem an Männer. 

Die Konferenzen sind oft nur so gut, wie das Netzwerk der Macher*innen. Uns allen tut es gut, unser gewohntes Netzwerk hier und da bewusst zu durchbrechen. Ted-Talks zu Themen anzusehen, mit denen wir uns noch nie beschäftigt haben. Auf eine Ausstellung oder Lesung zu gehen, die wir
sonst nicht besucht hätten, bewusst nach Menschen zu suchen, die wir in den alten Netzwerken nie kennenlernen würden. 

Wir wollen unbedingt 50/50 auf der Bühne

Wenn Menschen fordern, in jeder Branche und jedem Bereich sollten immer alle Events 50/50 besetzt werden, muss ich selbst schmunzeln. Zumal das Geschlecht nur ein Merkmal von Diversität ist, und für vielfältige Perspektiven wesentlich mehr in den Blick genommen werden sollte. 

Es hilft unheimlich, mit anderen über gute und interessante Speaker*innen zu sprechen. Im Zweifel auch immer mit Leuten aus anderen Netzwerken. 

Budget gibt es nicht

Klar, auf vielen Konferenz bekommen Speaker*innen kein Geld. Und das ist manchmal auch in Ordnung, weil auch die Konferenzveranstalter*innen noch nicht massig Geld scheffeln, oder die Konferenz einfach so gut ist, dass man selbst unbedingt hin will. Wenn man allerdings zahlt, sollte man natürlich alle bezahlen. Klingt jetzt banal, aber wird nicht immer so gehandhabt. Natürlich bedeutet das auch, dass man als Speaker*in ganz direkt das Honorar nennen sollte, das man für einen Vortrag nimmt – und dann verhandelt.

Das Angebot, Reise- und Übernachtungskosten zu zahlen, hilft sehr. Wenn prominenten Speaker*innen Geld bezahlt, sollte man auch darüber nachdenken, Geld auch an Speaker*innen zu
geben, die vielleicht noch kein C-Level erreicht haben, im Zweifel brauchen diese Speaker*innen das Geld nämlich dringender als die CEOs.

Wir brauchen noch … auf der Bühne

Auf keinen Fall sollte man Speaker*innen anfragen, weil man nur noch schnell eine Diversity-Lücke schließen will, sondern aufgrund ihrer Expertise. Auch ich persönlich reagiere negativ, wenn ich den Eindruck habe, dass ich nur aufgrund meines Geschlechts gefragt werde und der*die Veranstalter*in sonst gar nichts über mich weiß.

Wie Schafft man Diversität auf der Bühne?

– Mit dem Anspruch in die Organisation gehen, unterschiedliche Persönlichkeiten zu gewinnen und immer einen Blick darauf zu behalten

– Sich klar machen, dass eine Konferenz nur dann gut wird, wenn auch jemand da ist, den man noch nicht überall gesehen hat und unterschiedliche Charaktere aufeinander treffen

– Niemandem das das Gefühl geben, wegen der Quote anzufragen, sondern gute inhaltliche Argumente anführen

Das eigene Netzwerk erweitern und auch mal darüber hinaus denken. Nicht immer bekommt man die besten Inhalte, wenn man nur eine Mail für eine Zusage schreiben muss

– Auch mal auf C-Level-Speaker*innen verzichten

– Netzwerke anfragen, die einen bestimmten Draht haben

Eine gute Moderation sicher stellen: Viel zu oft sind Panels einfach schlecht vorbereitet. Eine gute Moderation bedeutet, vorher mit allen Gäst*innen zu sprechen und auch mal Fragen stellen, die vorher noch nie gestellt wurden

– Auch nicht immer die selben 20 Personen anfragen. Die Ausrede: „Wir haben ja Kamala Harris angefragt, aber die konnte nicht“ gilt genauso wenig. Ist ja klar.

Doch was können wir selbst machen, wenn wir auf die Bühne wollen

Ich denke es ist deutlich geworden, dass es auch an uns ist, dass sich die Vielfalt auf den Bühnen da draußen erhöht. 

Sich einfach mal trauen und zusagen, im Zweifel hat man dann eh noch ewig Zeit sich vorzubereiten und vorab im Bekannt*innenkreis zum Thema zu diskutieren

– Vortragen üben: Es lohnt sich, das zu trainieren, man wird nämlich besser mit der Zeit

– Sich selbst ins Spiel bringen. Oft gibt es Konferenzen, die einen „Call for Papers“ haben, aber selbst wenn nicht, lohnt es sich Konferenzmacher*innen anzuschreiben und sich selbst ins Spiel zu bringen

– Expertise fernab der Bühne aufbauen, mit Artikeln, einem Twitter-Account, klugen Facebook-Posts oder über Expert*innenstatements in der Presse

 Sich trauen auch über kontroverse Themen zu sprechen, aber nicht bei allen Anfragen direkt zusagen, da es Zeit kostet 

– Sich eine Speaker*innenagentur suchen

– Ein Netzwerk aufbauen, dass einen weiterrät 

– Konferenzen, die ganz schlechte Arbeit bei der Besetzung von Panels geleistet haben, nicht besuchen

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